Luftkurort Flechtingen
 
     
 Inhalt
 
»Auf steinigem Grund«

Flechtinger Chronik des Pastor Willing
mit Fotografien von Albert Jennrich

Erschienen zur 1050-Jahr-Feier im Luftkurort Flechtingen im Mai 2011.
Erhältlich im Pfarramt, im Kurhaus und in der Schlossmühle Flechtingen.

Vorwort

Am Beginn des 21. Jahrhunderts ist Flechtingen ein aufstrebender Luftkurort mit Gästen aus ganz Deutschland. Da scheint es längst vergessen, dass dieser Ort einst als entlegenes Walddorf galt, erst 1866 einen Saal für Tanzveranstaltungen erhielt und sich die kleinen Bauern auf steinigem Grund nur mühsam ernähren konnten. Gleichwohl wurde hier vor hundert Jahren schon polnisch und ungarisch gesprochen, gab es schon eine Telegrafen und Telefonverbindung und lieferte die elektrische Überlandzentrale den ersten Strom. Hermann Willing, der von 1879 bis 1911 hier Pastor war, hat all dies und noch viel mehr in einer umfassenden Chronik der Ortsgeschichte aufgeschrieben. Aus dieser Chronik werden alte Lebensumstände, Sorgen und Freuden, Hoffnungen und Ängste der Bewohner dieses Dorfes wieder lebendig, auch manche Sage und Geschichte. Vieles davon ist uns heute fremd und vertraut zugleich. Fremd, weil sich auch auf unserem kleinen Dorf die Lebensumstände seit der Industrialisierung grundlegend verändert haben, vertraut aber, weil sich die Menschen doch über die Jahrhunderte in ihren Stärken und Schwächen gleich geblieben sind.

Wer in dieser Chronik die Lesefrüchte eines biederen Heimatforschers erwartet, sieht sich getäuscht. Geschult an den großen deutschen Geschichtsschreibern des 19. Jahrhunderts hat Hermann Willing ausgehend von den natürlichen Gegebenheiten und beginnend bei der frühesten Besiedelung der Umgebung eine überaus genaue Darstellung der historischen Entwicklung unseres Ortes geliefert; exakte Zitate aus alten Urkunden, die heute in alle Winde zerstreut sind, statistische Tabellen über die Entwicklungen in verschiedenen Lebensbereichen, genaue Angaben über Personen, Eigentumsverhältnisse und Verwaltungsstrukturen lassen in Verbindung mit einer anschaulichen Sprache ein überaus farbiges Bild der Vergangenheit entstehen. Willing ist ein nüchterner Chronist, der die Vergangenheit nicht romantisch verklärt. Krieg, Seuchen, Hunger und früher, plötzlicher Tod waren ihr ständiger Begleiter.

Naturgemäß findet die Darstellung in den mehr als dreißig Jahren, die Willing in Flechtingen verbracht hat, ihren Höhepunkt. All dies kannte er aus unmittelbarer oft leidvoller eigener Anschauung. Diese Periode nimmt daher auch den größten Umfang ein. Es ist zugleich ein besonderer Glücksumstand, dass aus dieser Zeit eine Vielzahl von Fotografien des Flechtinger Alltags existieren, die der Fotopionier Albert Jennrich angefertigt hat. Diese Aufnahmen sind in Form von Glasplattennegativen erhalten und werden hier zum Teil erstmalig veröffentlicht. Vieles von dem, was Hermann Willing beschreibt und erwähnt, wird so noch einmal in einem ganz anderen Medium lebendig. Die Chronik endet mit dem Jahr 1911 als Hermann Willing Flechtingen verläßt und in den Ruhestand nach Dessau geht.

Von der Chronik wurden offenbar zwei Exemplare geschrieben, die textlich identisch sind. Eins, in neun handschriftlichen gebundenen Büchern, befindet sich im Archiv der evangelischen Kirchengemeinde Flechtingen, ein zweites, unvollständiges Exemplar, ist im Besitz der Nachfahren, die freundlicher Weise auch das Bild der Familie ihres Urgroßvaters zur Verfügung gestellt haben. Über die Motive für die Abfassung können nur Mutmaßungen angestellt werden. Vielleicht wollte Hermann Willing vor sich selbst und vor der Kirchengemeinde Rechenschaft ablegen über die Jahrzehnte seines Wirkens in Flechtingen und unter der Hand gedieh ihm dies zu einer umfassenden Ortsgeschichte. Zur Veröffentlichung jedenfalls war sie nie bestimmt und daraus erklären sich auch eine Reihe von Eigenheiten dieser Edition. So ist die Schreibweise nicht einheitlich, genaue Quellenangaben fehlen und der Inhalt manches alten Begriffes bleibt dunkel. Die Eigenheiten der Handschrift sollten bei der Veröffentlichung dieser Chronik so genau wie möglich wiedergegeben werden, um den Charakter des Originals nicht zu verfälschen.

Die Herausgabe dieses Buches wäre nicht möglich gewesen, hätte sich nicht Harald von Niebelschütz trotz seines hohen Alters davon begeistern lassen, das viele hundert Seiten starke Manuskript in ein Textprogramm einzugeben. Das gleiche gilt von Wilfrid H.F.Volke, der viele Stunden mit der Prüfung und Korrektur der Transkription verbrachte. Beiden sei hiermit herzlich gedankt. Dank gebührt ebenso Familie Heine in Flechtingen, deren freundliches Entgegenkommen den Bildanhang mit Fotos ihres Vorfahren Albert Jennrich möglich machte. Einen Teil hatte bereits Klaus Pieper eingescannt. Die Edition wäre nicht zustande gekommen ohne die finanzielle Hilfe einer Reihe von Sponsoren, von denen besonders das Planungsbüro V. Seidl und Dr. Heinecke erwähnt werden soll. Dass das Buch schließlich pünktlich zur 1050 Jahr Feier von Flechtingen erscheinen konnte, ist der stets unkomplizierten und kompetenten Zusammenarbeit mit der Druckerei Meiling in Haldensleben zu verdanken.

Für mich erfüllt sich mit der Herausgabe dieses Buches ein lang gehegter Wunsch. Er konnte Wirklichkeit werden u.a. auch durch eine mutige Entscheidung der derzeitigen Kirchenältesten, dieses »Erbe« vor- und mitzufinanzieren. Ebenso hat die Begeisterung des Freundeskreises »Literarischer Salon Flechtingen«, der sich 2010 gegründet hat, dieses Vorhaben beflügelt und voran getrieben. Eine solche umfassende Kenntnis, wie Pastor Willing sie hatte, ist heute kaum noch möglich. Möge dieses Buch trotzdem dem einen oder anderen Anregung sein, in unserer schnelllebigen Zeit mit aufmerksamen Augen, offenen Ohren und wachem Herzen die gegenwärtigen Ereignisse genau wahrzunehmen und so wahrheitsgetreu wie nur möglich niederzuschreiben, um sie für künftige Generationen zu erhalten. Dies kann im besten Fall, wie die Chronik von Hermann Willing, Stärkung, Trost und Hoffnung geben auf dem Weg in die Zukunft und dabei vor zu hohen Erwartungen bewahren ohne jedoch die Träume oder gar den Glauben zu zerstören.

Irene Heinecke
seit 1986 Pfarrerin in Flechtingen
Flechtingen, im Mai 2011

Fotografien von Albert Jennrich so wie diese hier vom Schlossgarten vervollständigen das Zeitbild und ermöglichen es dem Leser, intensiv in das alte Flechtingen einzudringen.
Fotografien von Albert Jennrich so wie diese hier vom Schlossgarten vervollständigen das Zeitbild und ermöglichen es dem Leser, intensiv in das alte Flechtingen einzudringen.

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